Ein Tag im digitalen Leben

Technikerschule Zürich Digitale Spuren

Im Rahmen einer kleinen Fallstudie haben wir anhand eines beliebig ausgewählten Tages untersucht, wo wir überall unsere digitalen Spuren hinterlassen. Dass Google, WhatsApp, Facebook, Snapchat, Instagram und all die anderen sozialen Netzwerke Daten emsiger sammeln als Bienen den Nektar, ist hinlänglich bekannt. Deshalb haben wir dort genauer hingeschaut, wo man auf den ersten Blick keine Datensammler vermutet.

Es beginnt bereits vor dem Frühstück
Es ist ein ganz gewöhnlicher Dienstag im Februar, Viertel nach sechs, und ich schalte Radio 24 ein. Wie jeden Morgen um etwa dieselbe Zeit. Seit ich dies aber über eine TV-Box von Swisscom tue, ist es gänzlich vorbei mit der Anonymität und ich hinterlasse meine ersten digitalen Spuren bereits vor dem Frühstück. Die TV-Box fungiert lediglich als Benutzerschnittstelle, um bei den Verteilsystemen den richtigen Kanal auf das jeweilige Endgerät zu schalten. So lässt sich die zur Verfügung stehende Bandbreite optimal nutzen. Jede meiner Interaktionen wird also aufgezeichnet, um dem zuständigen Verteilsystem die Informationen zu liefern, was ich sehen oder hören möchte.

Wie lange diese Informationen gespeichert bleiben und ob sie sogar ausgewertet werden, konnte oder wollte uns niemand von Swisscom so genau sagen. Gesetzt den Fall, die Daten werden über einen längeren Zeitraum gespeichert und ausgewertet – davon ist eher auszugehen als vom Gegenteil –, so weiss Swisscom in allen Details Bescheid über meine medialen Vorlieben im Bereich Radio und Fernsehen. Wann ich welche Sendung schaue (dank der Replay-Funktionalität über bis zu sieben Tage hinweg haben wir da sehr viele Freiheiten erlangt), was ich aus der Vielfalt der Angebote bevorzuge und wo ich schnell wieder wegzappe: All das wissen die Systeme von Swisscom mit grosser Wahrscheinlichkeit besser als ich selbst. Nur wie oft ich vor dem Fernseher einschlafe und wie viel ich dabei von welcher Sendung verpasse, bleibt mein Geheimnis. Vorerst! 

Massgeschneiderte News
Gut zwei Stunden später sitze ich in einem Café und lese den «Tagesanzeiger». In der althergebrachten Papierform! Dabei hinterlasse ich mit Sicherheit keine digitalen Spuren. Wäre da nicht der Hinweis auf Tagesanzeiger Online oben rechts auf der Titelseite, mein Besuch im Café bliebe digital spurenlos.

In den vergangenen Jahren sind wir mehr oder weniger zu News-Junkies mutiert und ich nehme mich da in keiner Weise aus. So stöbere ich noch eine Weile auf dem Onlineportal, eingeloggt selbstverständlich, denn das bietet dem Abonnenten einiges an Bequemlichkeit. Dabei teile ich Tamedia auch gleich mit, welche Artikel ich in welcher Reihenfolge lese und wie lange ich jeweils bei einem Beitrag verweile. Und dies täglich! Somit ist es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis ich die News nach meinen Vorlieben kategorisiert und sortiert erhalten werde. Meinem digitalen Newsvorlieben-Profil sei Dank.

Am Freitag gibt’s Fisch mit Broccoli
Beim anschliessenden Einkauf im orangen Riesen sind meine digitalen Spuren derart gering, dass sie wahrscheinlich nicht einmal statistischen Wert haben. Ohne Cumulus-Karte kein Migros-Subito und somit praktisch keine Spuren. Dass wir seit der Einführung ebendieser Karten hinsichtlich unseres Konsumverhaltens sehr gläsern geworden sind, ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Dass dank Systemen wie Subito die Grossverteiler nun aber auch wissen, wie wir zu unseren alltäglichen Dingen kommen, vielleicht schon.

Interessant ist eben nicht nur, dass Frau Müller freitags meistens Fisch und Broccoli einkauft, sondern vor allem, wie sie das tut. Welche Wege werden dabei gegangen, wie lange dauert ein durchschnittlicher Einkauf oder wie viele Artikel werden zugunsten eines anderen, vielleicht günstigeren, wieder aus dem Einkaufswagen genommen und zurückgelegt? Das sind die Fragen, die heutzutage interessieren und welche Subito exakt beantwortet. Aus diesen Informationen lassen sich denn auch viel aussagekräftigere Rückschlüsse auf das Sortiment und die Einrichtung einzelner Einkaufsläden ziehen als aus jenen zu den eingekauften Artikeln alleine. 

Mit der S5 nach Zürich
Kurz nach Mittag fahre ich dann mit der S5 nach Zürich. Bis vor wenigen Monaten kaufte ich mir jeweils Tageswahlkarten für diese Strecke und blieb so für die SBB lange Zeit völlig anonym – bis auf die Tatsache, dass ich Besitzer eines Halbtax-Abos bin. Mit der neuen SBB Mobile App hat sich dies aber drastisch geändert. Sie ist sehr einfach zu handhaben, ich brauche mich seitdem weder über Störungen noch über Unzulänglichkeiten in der Menüführung von Ticketautomaten zu ärgern und bei Kontrollen halte ich dem Personal einfach mein iPad hin, ohne nach dem Halbtax-Abo kramen zu müssen.

Mit all diesen Annehmlichkeiten – und ich möchte sie keinesfalls mehr missen – habe ich inzwischen der SBB ein umfassendes Profil geliefert, wie ich die öffentlichen Verkehrsmittel nutze. Selbstverständlich darf die App auch auf meinen Standort zugreifen, denn das erleichtert manchen Ticketkauf extrem. Und damit weiss die SBB nicht nur, wohin ich fahre, sondern eben auch, um welche Uhrzeit und mit welchem Zug oder Bus. 

Fazit über den einen Tag
An jenem Dienstag im Februar habe ich über die TV-Box mein Profil bei Swisscom zu meinen Vorlieben hinsichtlich Radio und Fernsehen ergänzt, mein News-Präferenzen-Profil bei Tamedia geschärft und bei der SBB mein ÖV-Reiseprofil erweitert. Nur bei der Migros bin ich weiterhin anonym geblieben.

Versicherungsgesellschaften planen, Apps zur Erfassung des Fahrverhaltens anzubieten, um damit risikoarme Fahrzeuglenkerinnen und Fahrzeuglenker zu belohnen. Mit der Einführung der mobilen Zahlung und der damit verbundenen rasanten Verbreitung der NFC-Dienste (Near Field Communications) bieten sich in naher Zukunft ungeahnte Möglichkeiten der Erfassung des Bewegungsverhaltens einzelner Personen. Wo wird dann noch unsere Anonymität bleiben?

Berechtigterweise stellt man sich denn auch die Frage: «Ist dies nun Fluch oder Segen?»

Mit grösster Wahrscheinlichkeit beides. In erster Linie werden alle diese Datensammler ja nicht als solche entwickelt und angeboten, sondern vielmehr als kleine, überaus nützliche Hilfen, um den Alltag einfacher und unabhängiger zu bewältigen. 
George Mallory wurde 1924 vor seinem dritten Versuch, den Mount Everest zu besteigen, von einem Journalisten gefragt, weshalb er denn unbedingt auf diesen Berg wolle. Er antwortete: «Weil er da ist!» Und vielleicht verhält es sich mit dem Sammeln all der digitalen Spuren, welche wir hinterlassen, genauso. Oftmals werden sie gesammelt, ganz einfach weil sie da sind! Und weil die Kosten für Speichermedien heutzutage nicht mehr stark ins Gewicht fallen, wird jede auf den ersten Blick scheinbar wertlose Datensammlung irgendwann eben doch wertvoll.

Eines ist gewiss: Wir alle werden auch in Zukunft nicht auf die vielen kleinen Hilfen verzichten wollen, die uns den Alltag so oft erleichtern. Und damit werden wir weiter unsere digitalen Spuren hinterlassen. So wie der Appetit mit dem Essen kommt, werden sich aus diesen Spuren wiederum unzählige Möglichkeiten ergeben, Dienstleistungen zu optimieren und zu verfeinern oder gänzlich neue anzubieten. Manches davon wird uns sehr von Nutzen sein, manches wohl weniger und manches vielleicht sogar schaden.

Letztlich aber endet diese Spirale immer dort, wo jeder seine persönliche Grenze setzt und auf den Nutzen einer bestimmten Dienstleistung verzichtet, weil er die Wahrung seiner Anonymität höher wertet.

Peter Jost, Schulleiter Juventus Technikerschule HF